Loyalität gefragt

verkehrsrundschau.de | Beitrag vom 23.04.2020
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LOYALITÄT GEFRAGT

Je mehr Lkw stehen, desto größer wird der Druck in fremdem Revier zu wildern. Dumpingpreise helfen den in Not Geratenen nicht und gefährden die, die gut zu tun haben.

Während Lkw-Fahrer, zumindest die, die Nudeln, Pastasauce und Toilettenpapier transportieren, als Helden gefeiert werden, schaffen es ihre Chefs mit Negativ-Schlagzeilen in die Nachrichtensendungen. Die Rede ist von Dumpingpreisen, Personalausbeutung und einer wachsenden Gefahr durch osteuropäische Frächter. "Mich freut es, dass die Fahrer jetzt endlich die Anerkennung bekommen, die sie seit Langem verdienen", meint Georg Dettendorfer, einer der Geschäftsführer der Johann Dettendorfer Spedition in Nußdorf. "Aktuell - und auch schon in Zeiten vor der Krise - konnte es sich kein Unternehmer leisten, seine Fahrer schlecht zu behandeln."

Konkurrenz nicht nur aus dem Osten

"Und was die vermeintliche osteuropäische Konkurrenz anbelangt, müssen wir uns die Frage stellen, wer denn die letzten zehn Jahre die deutsche Transportleistung sichergestellt hat. Wir haben über die letzte Dekade eine gute und partnerschaftliche Zusammenarbeit aufgebaut. Wenn wir ehrlich sind - Corona geht ja hoffentlich bald vorbei - haben wir doch selbst gar nicht ausreichend Fahrpersonal." Was die in manchem Fernsehbeitrag angesprochenen Strategien der Marktbegleiter betrifft in fremden Revieren zu jagen, mein Dettendorfer: "Manche Preise in den einschlägigen Frachtenbörsen sind unterirdisch. Ich muss aber auch sagen, dass unsere Verlader zu uns stehen - und hoffe, dass es so bleibt."

Abmelden statt Dumpingpreise

Argumentativ bekommt Dettendorfer Unterstützung von Wolfgang Thoma, geschäftsführender Gesellschafter der Ansorge Logistik mit Hauptsitz in Biessenhofen: "Wir sind vor allem in der Konsumgüterlogistik verhaftet und sehen ganz im Gegenteil, dass unsere Kunden sogar bereit sind für den aktuell höheren Leistungseinsatz mehr zu bezahlen." Mit Blick auf die Kollegen der Automobillogistik meint Thoma: "Es wäre aus meiner Sicht sinnvoller, Teile des Fuhrparks temporär stillzulegen, statt mit ruinösen Preisen an den Markt zu gehen. Das ist langfristig ohnehin keine betriebswirtschaftlich sinnvolle Strategie." Ein deutlich besseres Vorgehen wäre nach Thomas Ansicht Fahrzeuge abzumelden und Fahrer in Kurzarbeit zu schicken. "Wir selbst haben die letzten Jahre gut gewirtschaftet und stehen die Krise durch. Wenn aber Kollegen mit Kampfpreisen an den Markt gehen, schaden sie sich selbst - und vor allem anderen."

In Krisenzeiten erweist sich Diversifizierung und die Konzentration auf wichtige Versorgungsgüter als Erfolgsgarant, ist sich Nikolaus Wagenstetter, Inhaber der gleichnamigen Spedition in Forsting, sicher. "Wir fokussieren uns auf den Transport von Lebensmitteln. Damit sind wir schon in der Krise 2008/2009 gut gefahren. Neben dem eigenen Lager, unter anderem auch für Kühlgut, sind wir Vermieter eines DPD-Depots. Auch das Paketgeschäft läuft gut und Kurzarbeit ist für uns kein Thema." Selbst die Italien-Verkehre laufen nach Aussage von Wagenstetter noch gut: "Aber auch in dem Bereich operieren wir mit Thermo-ADR-Transporten in einer Nische." Doch auch Wagenstetter schüttelt den Kopf, wenn er mitbekommt, dass Fuhrbetriebe wie Hegelmann oder Girteka Komplettladungen für 600 Euro nach Mailand fahren.

"Dann lasse ich mich lieber von den Kollegen als 'Messi für Italien' auslachen, bekomme aber für Stückgut mit mehreren Abladestellen anständige Frachtraten", sagt Wagenstetter. Aktuell stellt er fest, dass das Italien-Geschäft wieder anläuft - mit Pflanzen - und damit auch wieder etwas für Spezialisten.

Auch Wagenstetter stimmt mit den Kollegen überein, dass bislang keiner seiner Verlader nachverhandeln wollte. "Die sind ebenso loyal wie unsere osteuropäischen Fahrer. Die haben uns auch nicht im Stich gelassen über Ostern. Sie sind trotz Verzicht auf die Familie in Deutschland geblieben, weil sie nicht riskieren wollten, in Quarantäne zu kommen und dann kein Geld mehr zu verdienen." Damit befanden sie sich in guter Gesellschaft mit den Chauffeuren von Ansorge.

Was nach Corona kommt

Für die Zeit nach der Corona-Krise wird sich Nikolaus Wagenstetter noch breiter aufstellen. "Wir haben bereits in unsere Werkstatt investiert. Unter anderem mit einer neuen Lackieranlage. Mein Bruder Klaus, der diesen Unternehmensbereich betreut, restauriert Oldtimer. Bislang für uns selbst, aber wer weiß ..." Georg Dettendorfer denkt bei den Lehren aus der Corona-Krise weniger ans eigene Unternehmen - das er gut und breit aufgestellt sieht - als vielmehr an übergreifende Themen: "Wir müssen ein Stück weit Sinn und Nutzen der Globalisierung hinterfragen. Und sicher auch, ob es gut ist, dass wir uns bei Schutzausrüstungen und Arzneimitteln von China abhängig gemacht haben." Auch das Thema Homeoffice, das alle befragten Unternehmer als Schutzmaßnahme fürs eigene Personal eingeführt haben, bekam nach Ansicht Dettendorfers eine völlig neue Bewertung.

"Und für die nahe Zukunft müssen wir sicher die getroffenen Maßnahmen, etwa beleglose Übergaben, Trennung der Arbeitsgruppen in den Unternehmen oder die redundante Aufstellung von Dispo- oder Lagerteams, beibehalten. Denn auch wenn es erste Lockerungen gibt, ist Corona aus meiner Sicht noch nicht final überstanden", warnt Dettendorfer.